Biologische Vielfalt in nationalen Wäldern

Karl-Friedrich Sinner / Leiter Nationalpark Bayrischer Wald und Vorstandsmitglied von EURO-PARC Deutschland, dem Dachverband der nationalen Naturlandschaften

Sehr verehrten Damen und Herren, recht herzlichen Dank für die Einladung zur Soonwald-Konferenz.

Nationalparke sind seit vielen Jahren ein Thema in Deutschland. Angefangen hat alles mit der Gründung des ersten Nationalparks, am 07. Oktober 1970 im Bayrischen Wald. Inzwischen haben wir 14 davon, doch das wird für Deutschland nicht reichen. Die Historie der ersten Nationalparke zeigt, dass es kein einfacher Weg ist, sich für einen Nationalpark zu entscheiden, denn es bedeutet letztlich einen Paradigmenwechsel im Verständnis von Wald.

Die Historie der ersten Nationalparke zeigt, dass es kein einfacher Weg ist, sich für einen Nationalpark zu entscheiden, denn es bedeutet letztlich einen Paradigmenwechsel im Verständnis von Wald.

Unser Ziel ist die Entstehung von Waldwildnis nach dem Prinzip „Natur Natur sein lassen". Wir - damit meine ich den Bayerischen Wald, den Böhmerwald und den Nationalspark Šumava, ein uraltes Gebirge in der Mitte Europas - kooperieren und haben unser gemeinsames Selbstverständnis entwickelt. Als mächtige Naturkulisse aus den harten Urgesteinen Gneis und Granit trennt das Gebirge Bayern von Böhmen und das Einzugsgebiet der Donau von dem der Moldau. Auf seinem Hauptkamm verlaufen die Staats- und Sprachgrenzen zwischen Deutschland und Tschechien, wie auch die Grenze zwischen den zwei Nationalparken Bayerischer Wald und Šumava. Auf über 80000 Hektar wird künftig Wildnis im Herzen Europas erlebbar sein.

Hier schlägt das wilde Herz Europas.

Die Fläche des Nationalparks ist vollständig in öffentlicher Hand, in der des Freistaats Bayern. Der Naturzonenbereich des Altnationalpark, rund 10000 Hektar, stellt die sogenannte Nichtinterventionszone dar, die Fläche für Prozessschutz, wo Natur Natur sein kann.

Das Prinzip: Natur Natur sein lassen verlangt dem Menschen einiges ab.

Das Wagnis Nationalpark

Das Prinzip: Natur Natur sein lassen verlangt dem Menschen einiges ab. Es verlangt dem Menschen etwas Grundsätzliches ab, nämlich eine andere Betrachtungsweise des Waldes, bei der die Priorität nicht auf der Frage liegt: „Was bringt uns dieser Wald? Wofür können wir ihn nutzen?" Das ist eine wahnsinnig schwierige Umstellung. Wir erleben das immer wieder, gerade bei Exkursionen, wenn Waldbauern oder Forstverwaltungen uns besuchen, da gibt es dann zwar eine grundlegende Einigkeit über den Sinn eines Nationalparks, aber wenn man dann an einem 1,2m dicken Bergahorn vorbeikommt, dann stellt sich doch für einige die Frage: „Hm, könnte man nicht doch eine Ausnahme machen, denn bei Verkauf würde der pro Kubikmeter etliche tausend Euro bringen ..."

Solche Erlebnisse charakterisieren die Notwendigkeit der Veränderung des Blickwinkels und der Betrachtungsweise.

Das Erbe der Evolution

Als unsere Vorfahren vor 40000 Jahren aus Afrika in diesen neuen Kontinent Europa kamen, haben sie alles, was ihnen in dieser neuen Umgebung begegnete daraufhin abgeklopft, wozu es gut sein könnte: kann man das essen, kann man da Kleidung draus machen, Werkzeuge oder Waffen. Alles was ihnen nützlich war gut war oder sein konnte wurde der Natur entnommen und gegen die Einflüsse der Wildnis geschützt. Mit dem ersten Gartenzaun um ein Feld, um einen Hausgarten entstand das Außen liegende, entstand die Wildnis, das was andersartig ist, was nicht von uns gestaltet, von uns beeinflusst ist. Damals entstand die Trennung zwischen Innen und Außen, Freund und Feind, Kultur und Wildnis. Ein Nationalpark holt dieses „Außen", dieses „Ausgegrenzte" wieder herein in unser Leben. Das ist die Anforderung: mach dich frei von diesen Wertungen, lass los, geh einfach hin und guck, was da passiert, wie sich die Natur selbst entwickelt, wie sie sich zeigt und greif nicht ein. Im Bayrischen Wald war das vor allem die Provokation des Borkenkäfers. In den letzten 15 Jahren, seit 1983, haben wir eine Fläche von rd. 6500 Hektar zugelassen, in der der Borkenkäfer den Wald gestaltet hat.

Das Klischee vom „schönen Wald"

Der alte Hochlagenwald ist grau geworden. Da heißt es, nicht die Nerven zu verlieren und das befallene Holz liegen zu lassen. Das letzte Ereignis, der Orkan Kyrill vor drei Jahren, hat uns etwa 400000 Festmeter Fichte hingeworfen. Was entsteht dann daraus? Keine Waldbilder wie der verklärte Hochwald von Adalbert Stifter, kein Bild von Wald, den wir ihn alle im Kopf haben aus unserem kulturellen Hintergrund im Rucksack, den wir mit uns tragen, sondern ein Wald in der Zerfallsphase, im dynamischen Wechsel von alt zu jung. Das muss man aushalten können.

Das, was den Bayrischen Wald auszeichnet ist, dass er wieder genügend Totholz hat. Die Bedeutung von Totholz ist lange unterschätzt worden. Totholz ist eines wichtigsten Strukturelemente, die es in diesen Wäldern gibt. Totholz ist unbeeinflusst, nicht aussortiert, nicht geplant.

Totholz ist voller Leben. Bäume, die bis zum natürlichen Alterstod stehen bleiben und darüber hinaus. Das überlassen wir vollständig der Natur, und ich kann ihnen sagen, das ist ein ganz spannender Prozess, denn dieser Wald ist jedes Jahr anders, ist jedes Jahr neu und konfrontiert uns mit ganz neuen Erfahrungen. Unsere Forscher haben einmal formuliert, dass wird erst so richtig spannend mit dem Wald, wenn sein Hauptcharakteristikum, der Baum, von seinem selbstständigen Leben zum Lebensmittel für viele wird. Dann geht's eigentlich erst richtig los.

Für die Betrachtung von Naturentwicklung und Wildnis sind gerade diese unendlich vielen Kleinigkeiten von großer Bedeutung, die oft unbeachtet sind, wie die unterschiedlichsten totholzbewohnenden Pilze.

Oder die Blütenpflanzen. Da gibt des den Europäischen Siebenstern, dessen Namen sich von den weißen Blüten mit sieben Blütenblättern ableitet. Der Europäische Siebenstern spielt als Charakterart der Hochlagen eine entscheidende Rolle. Vom Verständnis eines Nationalparkes hat er das gleiche Lebensrecht und verdient die gleiche Aufmerksamkeit in der Beobachtung und im Monitoring wie ein großer alter Baum. Aber diese Blume bekommt keine Unterstützung, keine Pflege. Sie wird nicht nachgepflanzt und nicht ausgesät oder was auch sonst immer zu den normalen Praktiken gehört. Wenn das Licht plötzlich wieder auf den Waldboden kommt, vergrößerte Quellhorizonte und Vernässungsstellen entstehen, dann entwickeln sich ganz erstaunliche Dinge. Der Blaue Eisenhut ist wieder da und wir können inzwischen Vernetzungsprozesse aufzeigen, die sich nur dadurch ergeben, dass man der Natur freien Raum lässt.

Alles beginnt mit dem Borkenkäfer ...

Wenn es den Borkenkäfer nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Es beginnt alles mit dem Borkenkäfer, der die Fichten zum Absterben bringt. Die ganze Biomasse kommt auf den Boden. Das bringt etwa das 2 bis 6-fache an pflanzenverfügbaren Nährstoffen in die Böden im Vergleich zu bewirtschafteten Wäldern und erhöht ihre Fruchtbarkeit. Wir haben natürlich auch Auswaschungsverluste, das ist klar. Die Bilanz ist aber, dass diese Auswaschungsverluste geringer sind wie bei einer Ganzbaumernte. Die Ganzbaumernte entzieht dem Kreislauf deutlich mehr Nährstoffe. Das gilt für eine Forstwirtschaft, die so weit getrieben wird, dass sie auch noch das Restholz für energetische Zwecke nutzt.

Einen Teil der Nährstoffe finden wir im Nationalpark in unseren Bergbächen wieder. Die Bäche sind nicht mehr ganz so kalt, weil nach dem Tod der alten Bäume mehr Sonnenlicht durchkommt. Der dunkle Fichtenwald ist nicht mehr da, der sie beschattet hat. Sie sind nährstoffreicher geworden. Es sind mehr Kleinlebewesen im Wasser. Regelmäßige Kontrollen des Forellenbestandes zeigen, dass die Forellen inzwischen die Bäche höher hinauf schwimmen. Die Fischereiverwaltung macht alle zwei Jahre eine Kontrollabfischung. Das Resümee des Fischereibeauftragten: die Forelle war noch nie so fett wie jetzt ,sie haben die doppelte Biomasse wie vor dem Borkenkäfer, und der Endpunkt dieser Kette ist gekrönt mit dem Fischotter. In allen unseren Bächen haben wir wieder den Fischotter. Auch Moore stellen einen wichtigen Lebensraum im Nationalpark dar, vor allem die Sattelmoore bis weit in den Böhmerwald hinein. Wir haben Großmoorflächen von 500 bis 600 Hektar Ausdehnung. Sie zählen zu den zentralen Naturrlebnissen im Nationalpark.

Sobald Totholz vorhanden ist keimen auch auf vermoderten Stämmen junge Fichten, Tannen und Buchen und wachsen heran. Die entscheidende Frage ist eigentlich nur, ist dieses Substrat da, oder nicht,. Wenn kein Totholz in ausreichender Menge vorhanden ist, dann kann natürlich auch keine Moderholzverjüngung entstehen. Das sind nur einige Beispiele, was durch die Arbeit des Borkenkäfers intiiert wurde, alles allein durch den Fraß des Borkenkäfers ohne weitere Waldbehandlung. Es wird uns oft vorgeworfen, dass aus dem Hochlagenwald, nach dem Absterben der Bäume,  eine ökologische Wüste geworden sei. Aber wenn man sich nur die Schmetterlingsarten anschaut, dann ist das Gegenteil der Fall. Überall dort, wo der Borkenkäfer war, gibt es mehr Schmetterlinge als in den alten Fichtenwäldern. Das ist auch ganz erklärlich, weil sich plötzlich die Bodenvegetation mit der ganzen Vielfalt an Blütenpflanzen entwickeln konnte.  Hier zeigt sich, dass diese Struktur, die der Borkenkäfer in den Wald hineinbringt, für einen großen Artenreichtum sorgt.

Forschung als wichtige Aufgabe im Nationalpark

Die Forschung wurde intensiv ausgebaut. Ich habe glücklicherweise ein junges, engagiertes Forscherteam mit kreativen Ideen. Aber die Forschung ist auch mit den Methoden der  klassischer Wissenschaft im Nationalpark unterwegs. Wir haben den Nationalpark in unterschiedliche Zonen aufgeteilt. Im  alten Parkgebiet, wo der Prozessschutz schon sehr weit fortgeschritten ist, wo im ganzen Bereich der Naturzone keinerlei Jagdmanagement mehr stattfindet greifen wir auch sonst gar nicht mehr ein.

Bei uns gibt's keine Rotwildbejagung, keine Schwarzwildbejagung, keine Rehwildbejagung mehr. Das erledigt inzwischen der Luchs.

Ganz interessant ist auch die Thematik mit der Vogelwelt. Viele seltene Vogelarten leben bei uns: Auerhuhn, Haselhuhn, Wanderfalke, Wespenbussard, Schwarzstorch und Sperlingskauz. Hier sind sehr detaillierte Untersuchungen gelaufen. Ein Beispiel für eine mehr übliche Art ist der Gartenrotschwanz. Man findet einen ganz deutlichen Unterschied in der Revierdichte, je nach dem, ob ich in einem Bereich forsche mit lebenden  Altbäumen oder in einem Bereich, wo die Masse der Altbäume abgestorben ist. Der Gartenrotschwanz, den eigentlich jeder kennt, steht auf der roten Liste Bayerns. Er ist tatsächlich gefährdet. In der Bundesrepublik haben wir von 1975 bis zu 2000 einen Bestandsrückgang von bis zu 50 Prozent zu verzeichnen, im Nationalpark haben wir heute die höchste Dichte an Brutrevieren.

Beim Baumpieper beobachten wir eine ähnliche Entwicklung. Auch hier hat sich in Deutschland der Bestand in 15 Jahren halbiert. Aber im Nationalpark ist der Baumpieper ein Allerweltsvogel, weil schlicht und einfach sein Lebensraum vorhanden ist und weil die Habitate entsprechend stimmen. Der Wiesenpieper zeigt ein ähnliches Bild. Auch hier haben wir eine Bestandshalbierung in den letzten 15 Jahren in Deutschland gehabt. Den Wiesenpieper gibt es in geschlossenen Wäldern normalerweise überhaupt nicht. Doch überall dort, wo diese Lückenstrukturen sind, wo die Wälder etwas offener sind, da existiert er noch. Der Vorwurf „Ökologische Wüste" trifft also nicht die Tatsachen. Bei vielen artenreichen Insektengruppen ist der totholzreiche Wald artenreicher als geschlossene Wälder. Auch Totholzkäfer kehren in die ehemaligen Wirtschaftswälder zurück. Wir haben auch untersucht, wie die Entwicklung mit dem Totholz sich im Vergleich mit dem benachbarten Forstbetrieb Neureichenau darstellt. Wir können darstellen, dass die Biodiversität in wesentlich höhere Bereiche hineingeht. Das entwickelt sich mit einer steil ansteigenden Kurvebis etwa 100cbm Totholz pro ha und pendelt sich dann etwas ein. Ob das nun die gefährdeten Arten unter den Holzkäfern, sind oder die sogenannten Urwaldrelikte, die Hotspots der Biodiversität. Unsere Erlebniswege zeigen die unbeeinflusste Waldentwicklung der drei natürlich vorkommenden Waldregionen Bergfichten-, Bergmisch- und Aufichtenwald, aber auch die Einzigartigkeit von Hochmooren und Schachten sowie mehrhundertjährige Urwaldrelikte mit Fichten, Tannen und Buchen riesigen Ausmaßes. Wir haben inzwischen wieder über 12 Urwaldreliktarten in unserem Nationalpark. Das ist ein Spitzenwert in Deutschland, nur erklärbar durch die lange Geschichte des Nationalparkes.

Käfer, deren Lebensgrundlage Totholz ist, nennt man Xylobionten. Unsere Forschung hat hier die Schwellenwerte, ab wann wir mit einem Anstieg der Artenvielfalt welchen Arten rechnen können, ermittelt - und der beginnt so bei 50-60 Kubikmeter Totholz pro Hektar, das ist die interessante Schwelle.

Die Rolle der Pilze

Pilze sind aus vielerlei Gründen sehr bedeutende Lebewesen in nahezu allen Ökosystemen. Sie sind extrem artenreich und stellen nach Meinung der Experten die zweithäufigste Artengruppe nach den Insekten dar. Außerdem sind Pilze aufgrund ihrer vielseitigen Lebensweise wichtig für das Funktionieren der Ökosysteme. Ohne Mykorrhiza, das heißt ohne die Beziehung zwischen Altbaum und Pilz könnten unsere Bäume im Nationalpark nicht zu über 50m hohen Riesen heranwachsen. Die Hyphen der Pilze unterstützen ganz wesentlich die Wasser- und Nährstoffaufnahme von Tanne Fichte und Buche. Gerade die Holzabbauer unter den Pilzen spielen im Nationalpark eine gewichtige Rolle. Während im Wirtschaftswald den Holzpilzen konsequent die Ressource entzogen wird, so können sie sich im Nationalpark frei entfalten. Dank Windwurf und Borkenkäfer wurden neue Totholzmengen geschaffen, wie man sie nur noch in Urwäldern vorfindet. Einige Totholz nutzende Pilze kommen deutschlandweit nur noch im Nationalpark Bayerischer Wald vor.

Ein Beispiel ist die zitronengelbe Tramete, eine sogennate Urwaldrelikt-Art, die auf urwaldähnliche Wälder angewiesen sind. Ob sich solche, oft nur noch in kleinen Refugien vorkommenden Arten wieder ausbreiten können, wenn sich die Verhältnisse, etwa das Totholzangebot, markant verbessern, wurde jüngst untersucht. Die Zitronengelbe Tramete wurde erst um 1990 entdeckt. Seither hat er sich wieder im ganzen Nationalpark ausgebreitet.  Die zitronengelbe Tramete benötigt zu ihrem Gedeihen den Fichtenzunderschwamm, auf dem er lebt. Der Schwellenwert sind mindestens 100 Fichtenzunderschwämme pro Hektar damit dieser Pilz sich ausbreiten kann. Dieses Beispiel zeigt wieder  die Vernetzung und das letztendlich eines auf das andere angewiesen ist.

Pilze sind meist völlig unterschätzte Gradmesser der Lebensraumqualität im Nationalparkgebiet. Verkürzt gesagt kann man dabei  festhalten, je dicker und je älter die Bäume, je mehr Totholz, umso größer die Vielfalt an Pilzen, Flechten und Xylobionten und damit die Artenvielfalt. Wir haben in den Prozessschutzflächen mittlerweile

Totholzanteile von etwa 250 Festmeter pro Hektar. Und die Spitzenwerte im Holzvorrat, die wir in reifen, alten Waldgesellschaften im Bayerischen Wald erreichen, überschreiten die tausend Festmeter pro Hektar. Und das hat Auswirkungen.

Zu den weltweit echten Raritäten finden sich in unserem Nationalpark:

  • Zitronengelbe Tramete (1991 erstmals beschrieben)
  • Duftender Goldporling (an finalen Tannen, sehr selten)
  • Bresinskys Spaltporling (2000 erstmals beschrieben)
  • Duftender Feuerschwamm ( sehr selten)
  • Wattiger Saftporling (weltweiter Zweitfund hier im NP)
  • Weisser Gnomseitling (weltweiter Erstfund im NP)
  • Rundsporige Lorchel ( nach 80 Jahren Wiederfund)

Die Pilze sorgen dafür, dass über Zellulose und Ligninabbau wieder Humus entsteht und eine nächste Waldgeneration heranwachsen kann.

Die Entwicklung im Wald führt dann manchmal zu so schönen Zeitungsmeldungen, dass der Bayrische Wald das Eldorado der Mykologen, der Pilzkundler geworden ist. Wenn die Experten abreisen, dann knallen die Korken, weil sie wieder etwas Neues entdeckt haben.

Die suchen uns regelrecht heim und sind uns herzlich willkommen.

Opfer des Klimawandels: die Bergglasschnecke

Ein anderes weniger erfreuliches Beispiel ist die Glasschnecke. In den Höhenlagen lebt eine Rarität, das ist die Bergglasschnecke. die auf 1400 Meter und einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von jetzt etwa 4,5 Grad zu Hause ist. Wenn es wärmer wird und wir hatten in den letzten 30 Jahren einen Anstieg der Jahresmitteltemperatur im Bayrischen Wald von 1,6 Grad, dann wird es für diese Tierart ausserordentlich eng. Wenn es auch nur annähernd so weitergeht wie bisher, ist absehbar, dass in etwa 30, 40 Jahren mangels Höhe unseres Gebirges diese Schnecke nicht mehr ausweichen kann. Wir werden diese Art als Folge der klimatischen Veränderung verlieren.

Lehrstücke auch für die Forstwirtschaft

Unsere Forscher liefern auch wichtige Ergebnisse für die bewirtschafteten Wälder. 

Zusammen mit den Bayrischen Staatsforsten und der Landesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Weihenstephan versuchen wir zu definieren, was sind denn eigentlich wirklich alte Wälder, wann geht's denn ökologisch im Wald so richtig los. Da haben wir einige wichtige Indikatorarten und die zeigen uns, ab 200 Jahren wird es interessant.

Wälder unter 200 Jahren sind noch Standard und Durchschnitt. Die ersten Entwicklungsschritte in Richtung erhöhter Biodiversität setzen ab 160 Jahren ein. Mit einem Alter von 200 Jahren fängt der Wald an, mit seiner ganzen Artenvielfalt wirklich lebendig zu werden. Dann können wir damit rechnen dass das, was waldtypisch ist, auch vorhanden ist.

Zwergschnepper, in wirklich guten Populationen brauchen einen Wald, der im Mittel 300 Jahren  ist. Zwergschnäpper sind die wichtigste Charakterart für die Buchenwälder.

Insgesamt haben wir heute 7000 Arten im Nationalpark dokumentiert und gehen von ca 14000 Arten insgesamt aus. Der Nationalpark ist damit ein Laboratorium für Wälder, ein Pool für Erkenntnisgewinn dessen Ziel es ist, Waldnaturschutz, aber auch Klimawandelfolgen einschätzen zu können. Struktur ist letztendlich das Geheimnis, das die Natur uns hier als Lösung anbietet. Bei unseren Waldgesellschaften gibt es zwei Schlüssel als Garanten für Biodiversität . Das eine ist die Durchgitterung der Wälder mit Windwürfen, mit Situationen, die zu einer raschen Totholzanreicherung und zu Lichtlücken führen und die zweite, für unseren Wald ganz zentrale Komponente ist der Borkenkäfer. Es gilt der Satz: der Borkenkäfer ist die Schlüsselart für Biodiversität.

Der Borkenkäfer ist die Schlüsselart für Biodiversität.

Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden, denn er produziert genau diese Lebensräume, die z.b. für die natürlichen Brutplätze des Habichtskauz wichtig sind und notwendig sind. Die Dynamik ausgelöst durch den Borkenkäfer führt im Vergleich zum Wirtschaftswald zu lichteren, aber auch zu dichteren Situationen. Zwei Charakterarten, die dafür stehen sind für die lichteren Situationen der Gartenrotschwanz und für die dichteren Situationen der  Zwergschnepper.

Zielprodukt Totholz

Wir haben in den Wäldern ein Zielprodukt, wenn man das so formulieren will: den dicken toten Stumpf, Totholz, stehend, stark dimensioniert. es ist der Brutplatz des Habichtkauze. Der Vogel ist nur häufig, wenn er diese Stümpfe hat. In den modernen forstwirtschaftlichen Managementwäldern finden sich zu wenige davon. Eines unserer großen Probleme verbunden mit Riesendiskussionen war der befürchtete Verlust der Auerhühner, als die natürlichen Fichtenwälder der Hochlagen abgestorben waren. Wir haben ein intensives Monitoring der Auerhühner und ihrer Lebensräume durchgeführt. Dabei haben wir auch einen balzenden Auerhahn angetroffen. Und nicht nur einen, sondern mehrere. Sie sind nach wie vor da. Die heranwachsende Verjüngung und Reste von altem Wald reichen völlig aus, dass der Auerhahn  existieren kann. Wir haben heute mehr, als vor dem Borkenkäfer. Der Auerhahn benötigt gesicherte Schlafplätze und eine reiche halboffene Struktur seines Lebensraumes. Zudem wünscht sich der Auerhahn viele Beerensträucher, denn Beeren sind seine Lieblingsnahrung. Doch diese lebenswichtigen Gegebenheiten sind in Deutschland selten geworden. In den Nationalparken Šumava und Bayerischer Wald findet der Auerhahn  gute Lebensbedingungen und er findet alles ,was er zum Leben braucht, in unserer grenzenlosen Waldwildnis.

Wildnis lohnt sich auch für den Menschen

Wildnis lohnt sich. Wildnis lohnt sich auch für die Menschen, das als letzter Hinweis für Sie, liebe Zuhörer. Die Existenz des Nationalparkes, mit dem dadurch induzierten Tourismus, bewirkt ein Einkommen in dieser Randsituation des Bayrischen Waldes, das sich in 939 Vollarbeitsplatzäquivalenten ausdrücken lässt. Oder anders ausgedrückt: jeder Euro, den der Freistaat Bayern in den Nationalpark investiert hat, wird als mehrwert in der Region durch den Tourismus verdoppelt.

Herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit...



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