Schinderhannes (Johannes durch den Wald)

Von Joachim Füllmann

Im Lied klingt es an: "... denn im Wald, da sind die Räuber, Hali, Halo die Räuber (gesungen: Reuheuber), ...".

Einer der prominentesten Vertreter dieser Menschengattung war im Soonwald und Naheraum zweifellos Johannes Bückler, genannt „Schinderhannes“. Als sich dem Räuber dort vor rund 200 Jahren die Schlinge des Gesetzes immer mehr um den Hals zog, war ihm von einem „Vertrauensmann“ dringend angeraten worden, die Rheinseite zu wechseln. Doch Hannes war bodenständig und bekannte freimütig, „dass jetzt im Frühling die Wälder belaubt und er und seine Kumpane vor Nachstellungen gedeckt seien“. Der Wald bietet folglich Schutz und Versorgung auch für Räuber, denn die Natur entscheidet – wenn sie gibt – nicht darüber, wer gut oder schlecht ist; das tut nur der Mensch. Schon Schinderhannes profitierte vor 200 Jahren vom Wald und von der Natur und das tun seit Menschengedenken Unzählige, ohne sich dessen oftmals bewusst zu sein.

Das 10-jährige Bestehen der „Initiative Soonwald e.V.“ fällt zeitgleich mit der Wiederkehr des 200-jährigen Todesjahres des legendären Räuberhauptmannes. Dessen „Jubiläumsjahr“ war und ist immer noch vielerorts Anlass für eine Reihe von Ausstellungen und Veranstaltungen, weil mit dem Namen „Schinderhannes“ schon seit vielen Jahren nicht nur Gemeinden und Tourismuseinrichtungen für ihre Region und Produkte werben.

Der Räuber hat sich vom historischen Kriminalfall mittlerweile zum Werbeträger gemausert. Es scheint allerdings fraglich, ob diejenigen, die mit diesem Namen locken, auch wissen, was sich hinter dem Namen verbirgt. Während seines strapaziösen sechsjährigen Räuberlebens war Johannes Bückler jun. im Soonwald und Naheraum zwar fast überall präsent, aber nur wenigen nützlich.

Als vielen nützlich und förderlich für die Entwicklung des Soonwaldes erweist sich dagegen seit ihrer Gründung vor 10 Jahren die „Initiative Soonwald e.V.“. Deshalb war der Verfasser dieses Beitrages auch gerne bereit, zum 10-jährigen Geburtstag der Initiative ein paar Auszüge aus seinem Buch „200 Jahre Schinderhannes“ in diese Jubiläumsschrift einfließen zu lassen und dem Geburtstagskind zu gratulieren.

Und was den „Schinderhannes“ betrifft: Man mag von ihm halten, was man will; er ist populär und deshalb werbewirksam. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn man es pragmatisch nimmt. Der Name musste schon zu Lebzeiten des Räubers für Vieles herhalten und scheint immer noch unerschöpflich: Er bietet Stoff für Abenteuerliches und Unterhaltsames, aber auch für Bedenkliches. „Schinderhannes“ ließ schon vor 200 Jahren die „Kassen klingeln“ und wird dies auch zukünftig tun.

Vom legendären Räuberhauptmann hätten wir aber vermutlich niemals etwas gehört, wenn es vor ca. 200 Jahren nicht jene an die Französische Revolution erfolgten tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und territorialen Veränderungen im linksrheinischen Gebiet gegeben hätte, die zu einer totalen Erschütterung des alten Gesellschaftssystems führten. Was sich bezüglich staatlicher Verwaltungskonzeption damals als fortschrittlich und grundlegend für die weitere Entwicklung erwies, wurde dem Schinderhannes zum Verhängnis. Besonders eine große Teile des Soonwaldes einschließende Amtsverbindung zwischen der Kantonszentrale Kirn und der Arrondissementhauptstadt Simmern/Hunsrück hatte für den Räuber schlimme Folgen. Dies wird gleich am Anfang des ersten Bandes der Mainzer Prozessakten ersichtlich, worin Gefangennahme, Verhör und Inhaftierung des jungen Gauners im Jahr 1799 geschildert werden. Es ist eine Geschichte aus dem Soonwald.

Verhaftung in Schneppenbach und Verhör in Kirn

Im Februar des Jahres 1799 wurde Schinderhannes von der Kirner Gendarmerie in Schneppenbach verhaftet. Die Festnahme war nicht das Ergebnis einer gezielten Fahndung, sondern reiner Zufall. Hannes wurde Opfer einer von der Verwaltungsspitze in Simmern angeordneten Polizeirazzia zur allgemeinen Bekämpfung von Landstreicherei. Dieser amtlichen Aufforderung folgte die Gendarmerie in Kirn in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar. Sie startete auf Geheiß eine Patrouille zum Eigener Hof und in Richtung Birkenmühle im Hahnenbachtal. Beteiligt waren der Polizeikommissar Lecavellier persönlich, die beiden Gendarmen Adam Kreintz und Poincenet, der Agent Philipp Kühn und eine Art Bürgermiliz, die von sechs bewaffneten Männern gebildet wurde.

Vom Müller der „Staabenmühle“ (Reinhardtsmühle) unweit der Schmidtburg gab’s einen Tipp, der die Truppe nach Schneppenbach führte. Im Hause des abwesenden „Christhannes“, einem Zimmermann, traf man in der Wohnstube zwei junge Männer und eine Frau vor, die friedlich schliefen. Schlaftrunken ließen sich die zwei Burschen, von denen einer eine Pistole bei sich führte, und deren Begleiterin namens Elisabeth Schäfer von den Ordnungshütern festnehmen. Da das Trio weder in Schneppenbach heimisch war, noch sich ausweisen konnte, brachten die Beamten die vermeintlichen Landstreicher noch in der Nacht in die Arreststube des Kirner Rathauses. Nachdem dort am frühen Morgen der Friedensrichter Franz Joseph Reichensperger eingetroffen war, erfuhren die Kirner, welch‘ ein Fang ihnen bei dem nächtlichen Streifzug ins Netz geraten war.

ach dem neu geltenden französischen Strafrecht mussten Gefangene innerhalb der nächsten 24 Stunden verhört werden. Johannes Bückler wurde von nachmittags drei Uhr bis in die Nacht hinein sowie am folgenden Tag von neun Uhr morgens bis mittags vom Friedensrichter vernommen. Im Verhör gab Bückler zu Protokoll, dass er von den Leuten gewöhnlich „Schinderhannes“ genannt werde und im vergangenen Herbst 19 Jahre alt geworden sei. Man darf annehmen, dass er sich bewusst älter machte, als er in Wirklichkeit war oder sein genaues Alter nicht wusste. Jedenfalls war er geständig. Deshalb war es unter der Obrigkeit schon bald beschlossene Sache, Schinderhannes und seinen Kumpan Johannes Müller, den ca. 17-jährigen Sohn des berüchtigten „Buttla“, in die Verwaltungszentrale nach Simmern/Hunsrück zu überführen, wo Hannes in der Folgezeit mehrere Monate in einem Turmverlies der ehemaligen Stadtmauer in Untersuchungshaft saß ….

Bekanntschaft mit dem „Angstloch“ und abenteuerliche Flucht

Die Untersuchungshaft in Simmern wurde für Johannes Bückler zu einem weit schmerzlicheren Erlebnis als jene Prügelstrafe, die er 1796 auf dem Kirner Marktplatz bezogen hatte, und die nach seiner eigenen Aussage entscheidend für seine Verbrecherlaufbahn gewesen sein soll.

„Ich schaudere noch in diesem Augenblick, wenn ich mich der Härte der Gefangenschaft … erinnere“, gab Hannes 1803 vor dem Mainzer Untersuchungsrichter Wernher zu Protokoll.

Der Delinquent wurde in Simmern wie ein Schwerverbrecher behandelt: „Die Nacht hindurch war ich mit Ketten beladen, und in einem finsteren, feuchten, unterirdischen Gewölb gefangen gehalten, des Tags erlaubte man mir zu Zeiten, eine gesunde Luft in einem höheren Gefängnis einzuatmen“, erinnerte sich Bückler in seiner Lebensbeschreibung. Aber auch in dieser schier aussichtslosen Lage verließ ihn nicht das Glück. Ein Messer, ein Seil und eine gehörige Portion Kraft und Mut waren die Schlüssel für seine Flucht aus dem als ausbruchsicher geltenden Turmverlies. Mit Hilfe des „Eschen-Philipp“, einem kriminellen Lehrersohn von Argenthal, nach dem noch 1804 gefahndet wurde, und der eines Wächters war der Ausbruch vorbereitet worden, der in der Nacht vom 20. auf den 21. August erfolgte. Zunächst konnte Hannes seinem Verlies durch eine enge Öffnung an der hohen Gewölbedecke entkommen. Als er das „Angstloch“ verlassen hatte, blieb er aber immer noch eingesperrt. Erst durch Herausbrechen eines Fenstergitters im nächsten Stockwerk des Turms und durch einen waghalsigen Sprung in die Tiefe erkämpfte sich Bückler die ersehnte Freiheit. Der Preis dafür war hoch und kostet ihn vorerst nur den Bruch eines Wadenbeins. Dieses Malheur hielt den Ausbrecher aber nicht davon ab, die Flucht durch die schützenden Wälder des Soonwaldes fortzusetzen. Sein Ziel war das Hahnenbachtal.

Tagsüber hielt sich Hannes im Wald versteckt. Nur in der Dunkelheit quälte sich der Gepeinigte – gestützt auf eine Hopfenstange und mehr kriechend als gehend – in Richtung Westen

weiter. Nachdem Bückler die dritte Nacht in Freiheit überstanden hatte, erreichte er die Birkenmühle im Hahnenbachtal, wo er erstmals seit seinem Ausbruch eine Mahlzeit einnehmen konnte. Von der Birkenmühle aus machte er sich auf den Weg nach Sonnschied zu Karl Engers, der dem Verletzten ein Pferd zur Verfügung stellte.

Notgedrungen, aber jetzt reitend, suchte Schinderhannes die letzte Anlaufstation seiner abenteuerlichen Flucht auf. Es war sein ehemaliger Lehrmeister Mathias Nagel in Bärenbach, der auch im Rufe stand, ein Wunderheiler zu sein. Bückler hatte wieder Glück, denn erneut nahm sich der Meister seines früheren Zöglings an und behandelte dessen Verletzungen. Nagel richtete das gebrochene Bein und legte einen speziellen Salbenverband an, der Generationen später in der ärztlichen Praxis seiner Nachkommen wegen seiner besonderen Heilwirkung außerordentliche Bedeutung erhielt. Unbehelligt und medizinisch versorgt kehrte Schinderhannes anschließend nach Sonnschied zurück, wo er sich etwa drei Wochen lang im Hause des Karl Engers von den zurückliegenden Strapazen erholen und seine Verletzung auskurieren konnte.

Mit seinem spektakulären Ausbruch aus dem Simmerner Turm hatte sich der Räuber nicht nur die Freiheit, sondern auch einen Spitzenplatz in der polizeilichen Fahndungsliste und eine Führungsposition in der Ganovenszene erobert. Dazu gehörte auch Engers ….

Vom simplen Dieb zum Kapitalverbrecher

Schinderhannes blieb grundsätzlich seiner Linie treu, beließ es bald aber nicht mehr nur bei einfachen Diebstählen, wobei ein Gewinn erst über Umwege aus dem Verkauf der Beute zu erzielen war. Die neue Strategie des Räuberkomplotts sah vor, durch bewaffnete Überfälle auf Handelsreisende und durch nächtliche Einbrüche in die Häuser gut betuchter Familien den direkten Zugriff auf Geld und Handelswaren zu wagen. Hinzu kam die Erpressung von Schutzgeldern, die vornehmlich an die Adressen finanzkräftiger Juden gerichtet war.

Informationen darüber, wo oder bei wem etwas zu holen war, hatten die Räuber reichlich. Es gab immer wieder Leute, die ihren Mitbürgern deren Reichtum neideten oder daran interessiert waren, dass ihnen unliebsame Menschen zu Schaden kamen. Aus diesem Kreis von Neidern und Denunzianten bezogen „Schinderhannes & Co.“ den ein oder anderen verheißungsvollen Tipp, der sie veranlasste, wohlhabenden Bürgern gewaltsam auf den Pelz zu rücken ….

… Den größten Coup seiner Verbrecherlaufbahn landete Schinderhannes im Sommer 1800 beim bewaffneten Einbruch in das Haus des jüdischen Händlers Wolf Wiener in Hottenbach. … Die Beute war so reichlich, dass er vom geraubten Geld und dem Erlös der verkauften Waren etwa ein Vierteljahr unbesorgt leben konnte, ohne neue Unternehmungen auszuführen.

… Nach dem Raubüberfall zog sich die Bande auf die Schmidtburg zurück, wo auch den Mitläufern ihr Anteil an der Beute ausgehändigt wurde ….

Wie es mit dem Räuber weiterging, wie er auf dem Höhepunkt seiner „Karriere“ anschließend auf dem Kallenfelser Hof residierte und sogar einen öffentlichen Ball veranstaltete, vor allem aber wie er auf die Verbrecherbahn geraten war und wie es langsam mit ihm bergab ging, kann nachgelesen werden, in:

„200 Jahre Schinderhannes. Unrecht und Recht. Der Wahrheit etwas näher?“, von J. Füllmann, hrsg. von der „Ulrich-Fabry-Stiftung und der Verbandsgemeindeverwaltung Kirn-Land, 78 Seiten mit Bebilderung, Verkaufspreis: € 5,00, erhältlich bei der Verbandsgemeindeverwaltung Kirn-Land unter Rufnummer 06752/1380, e-mail: verwaltung@kirn-land.de.

Den Wackelstein an der Burgruine Koppenstein gab es sicher auch schon zu Schinderhannes Zeiten. Die perfekte Balance, mit der der große Quarzit auf seinem schmalem Untergrund ruht, ist ein Symbol der Ausgeglichenheit, die man im Soonwald finden kann.

© 2008-2018 Initiative Soonwald | Website by soonteam.de