110 Jahre „Altenburgturm“ im Soonwald

von Monika Kirschner und Hans-Werner Ziemer

In weniger als zehn Jahren entstehen um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert vier Aussichtstürme in unserer näheren Heimat: 1893 der Alteburgturm, damals „Altenburgturm“ genannt, im selben Jahr der Hochsteinchenturm, 1901 auf dem Erbeskopf der ehemalige Kaiser-Wilhelm-Turm und 1902 der Bismarckturm bei Sargenroth.

Wie erklärt sich diese auffällige Häufung ehrgeiziger Turmbauten in einem so kurzen Zeitraum?

Zwischen der Reichsgründung und dem ersten Weltkrieg erfaßt die bürgerlichen Schichten eine nationale Begeisterung. Die Deutschen besinnen sich zunehmend auf ihr germanisches Erbe. Dabei bekommt der Wald eine zentrale Bedeutung als Symbol der eigenen Herkunft. Er wird als Lebensraum wieder entdeckt, als Rückzugsgebiet für Kriegszeiten geschätzt und Wohnort der Götter verehrt. Diese Begeisterung fördert auch das Wandern im Wald. 1876 gründet sich der erste deutsche Wander- und Gebirgsverein: der Rhönclub. Schon 1883 folgt die Dachorganisation „Verband deutscher Wander- und Gebirgsvereine“. Bürgerliche Schichten suchen ihre kleinen Fluchten aus der Stadt. Die Stadt gilt „als Zerrbild menschlichen Lebens“; die Botschaft heißt „Hinaus auf´s Land“. Viele Bergkuppen dienen dem neuen Selbstbewußtsein als Plattform für Nationaldenkmäler. Eine ganze Generation nimmt Natur und Vaterland mit Hilfe der Vertikalbauten auch optisch in Besitz. Die Aussichtstürme als ländliche Varianten dieser Denkmäler erlauben den stolzen Blick auf die waldreiche Heimat.

Dazu paßt auch das ehrgeizige Ziel, auf den Ruinen der „Altenburg“ einen massiven Aussichtsturm zu errichten. Um diesen Plan auch finanzieren zu können, muß ein geeigneter Träger gefunden werden. 1891 gründen Privatleute den „Soonwald-Club“, der würdige Vorgängerverein der heutigen „Initiative Soonwald“. Der Soonwald-Club ist von Anfang an als Ortsgruppe dem 1890 in Morbach gegründeten Verein für Mosel, Hochwald und Hunsrück (MoHoHu) angegliedert, der heute den Namen „Hunsrückverein“ trägt. Dieser Verein schreibt in seinem 1892 herausgegebenen „Hochwald- und Hunsrückführer“ über eine Wanderung und die Pläne des Soonwald-Clubs:

„…… und brechen dann zum Gipfel der Altenburg auf, den wir, den Rennweg betretend und auf die Wegweiser achtend, von hier aus in 10 Min. erreichen. Das Panorama, das unser hier oben erwartet, ist neben demjenigen von der „Ellerspring“ das grossartigste, das uns der Soonwald zu bieten vermag. Bis zum Jahre 1888 stand hier auf dem jetzt durch ein leichtes Stangengerüst bezeichneten Platze ein 80 Fuss hoher trigonometrischer Aussichtsturm, aus mächtigen Tannenstämmen gefügt und mit Leitern bis zu einer Pattform versehen, von der aus der in die Ferne schweifende Blick keinem Hindernis begegnete. Nachdem dieser Holzturm im Winter des genannten Jahres altersschwach den Stürmen zum Opfer gefallen und zu Boden gestürzt war, büsste die Altenburg etwas von ihrem Rufe als bester Aussichtsturm des Soonwaldes ein, da zu ebener Erde nach Norden die Aussicht durch Waldbäume verdeckt wird. Die im Jahre 1891 gegründete Ortsgruppe „Soonwald-Club“ hat als eins ihrer ersten Ziele ins Auge gefasst, anstelle des alten hölzernen einen genügend hohen massiven Aussichtsturm mit eingebauter Schutzhalle zu errichten. Der Turmbaufonds hat zu der Zeit, da dies geschrieben wird, eine Höhe erreicht, die hoffen lässt, dass der Bau im Frühjahr 1893 in Angriff genommen werden kann. Die in allen besseren Wirtshäusern der Umgegend aufgestellten Sammelbüchsen seien der Berücksichtigung der Soonwaldwanderer bestens empfohlen.“

Die Hoffnung des Autors dieser Zeilen „dass der Bau im Frühjahr 1893 in Angriff genommen werden kann“ sollte sich mehr als erfüllen. Bereits zum 18. September 1892 lädt der Soonwald-Club zur feierlichen Grundsteinlegung des Aussichtsturmes ein: in nur einem Jahr war soviel Geld in der Kasse, daß mit dem Bauwerk begonnen werden konnte. Eine stolze Leistung des Soonwald-Clubs!

„Begünstigt vom schönsten Wetter hat gestern auf der Altenburg die Grundsteinlegung des zu erbauenden Aussichtsthurmes daselbst stattgefunden. Zahlreiche Mitglieder des Soonwald-Clubs und Festgäste von Nah und Fern waren hierbei erschienen. Diese Festlichkeit nahm einen schönen und würdigen Verlauf und wird bei den Theilnehmern in steter Erinnerung bleiben. Mit der Einweihung des Aussichtsthurmes, welche im nächsten Jahre während des Sommers erfolgen dürfte, soll, wie verlautet, eine ausgedehntere Feier verbunden sein“,

schrieb die Kirner Zeitung am 20. September.

Zur Grundsteinlegung des neuen Aussichtsturmes findet im nahen Kurhaus Waldfriede ein üppiges Festessen statt. Sogar die Speisekarte dieses Festmahles ist erhalten geblieben. Sie wurde von Prof. Thomas Hauschild 1993 eher zufällig neben anderen Dokumenten in einem Müllcontainer in Waldfriede gefunden. Die Speisekarte trägt die Handschrift eines Weinkenners, des Chefs von Waldfriede: Ernst Karl Edmund Vogler, der seine kaufmännische Karriere als Weinhändler in Monzingen begann. Immerhin verzeichnet die Karte drei verschiedene Flaschenweißweine, einen Rotwein von der Ahr und einen Riesling-Schoppenwein. Auch die beiden Fleischgänge signalisieren eine gehobene Gastronomie und nicht ländliche Gasthausküche.

Vergleichbar mit dem Soonwald-Club, nur ein paar Jahre früher, wird 1886 in Rheinböllen der „Hochsteinchenklub“ gegründet. 27 Männer aus dem Ort und seiner Umgebung schließen sich zusammen, um auf dem Hochsteinchen einen Aussichtsturm zu ermöglichen. Im selben Jahr wie der Soonwald-Club, feiert man, Luftlinie nur 12,5 Kilometer entfernt von der „Altenburg“, an Pfingsten 1883 die Einweihung eines 18 Meter hohen eisernen Aussichtsturm auf dem Hochsteinchen.

Schaut man auf ganz Deutschland zu dieser Zeit, so zeigen sich erstaunliche Parallelentwicklungen, welche die Hunsrücker Aktivitäten als alles andere als „hinterwäldlerisch“ erscheinen lassen. Ganz im Gegenteil. Das belegt u. a. die Magisterarbeit „Der Aussichtsturm“ (Tübingen 1990) von Friedemann Schmoll über die Entwicklungen auf der Schwäbischen Alb (Seite 2):

„Bis dann auf dem Roßberggipfel eigens ein Turmbauwerk, das ganz allein der Steigerung des Aussichtserlebnisses dienen wird, errichtet werden soll, vergehen noch mehr als sechzig Jahre: Gemeinsam lassen der Verschönerungsverein Gönningen und der Schwäbische Albverein 1890 ein 18 Meter hohes Aussichtsgerüst aus Holz bauen. Dessen Konstruktion wird sich bald als instabil erweisen. Schon 1913, zum 25jährigen Jubiläum des Schwäbischen Albvereins, wird das ausschließlich nach funktionalen Aspekten entworfene Gerüst von einem monumentalem Massivbauwerk beerbt.“

Das „monumentale Massivbauwerk“ entsteht im Soonwald weit früher. Am 10. September 1893 wird, wie die Kirner Zeitung in ihrer Ausgabe vom 12. September berichtet, der Aussichtsturm auf der Alteburg „unter zahlreicher Betheiligung und von schönstem Wetter begünstigt“ eingeweiht. Dass der Massivbau in so kurzer Zeit vom Bauunternehmer Albert Pfeiffer aus Kirn errichtet wird, liegt nicht nur an der gesicherten Finanzierung, sondern auch daran, dass die benötigten Quarzitsteine nicht extra herbeigeschafft werden müssen; sie sind auf der Alteburghöhe vorhanden.

Friedemann Schmoll interpretiert in seiner oben angeführten Magisterarbeit (Seite 6) diesen Turmtypus wie folgt:

„Mit der Ästhetisierung von Natur mittels Landschaft in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts geht der Drang himmelwärts einher: Die Faszination, die das panomaratische Seherlebnis ausübte, verrät das Bedürfnis des (Früh)-Bürgertums, die Welt zu überschauen, in ihren Strukturen zu begreifen und darin den eigenen Standort zu finden.“

Es geht um ein neues Seherlebnis, wie man es bis dahin nur von den Kirchtürmen herab kannte, um eine zentralperspektivisch ausgerichtete Natur- und Weltschau, das sogenannte „panomaratische Seherlebnis“. Schon damals druckt der „Hochwald- und Hunsrückführers“, in seiner ersten Ausgabe von 1892 zu der Turmbeschreibung auch die Rundsicht, also das Panorama der Alteburg.

Bis in die Gegenwart ist der Alteburgturm, der 1999 als Kulturdenkmal auch die offizielle Anerkennung findet, das zentrale Ausflugsziel im Soonwald, und eine eindeutige Verbesserung der touristischen Infrastruktur. Eine Wanderung von der nahen, durch ihren typischen Spießbraten bekannten Trifthütte zur Alteburg ist nach wie vor der klassische Sonntagsausflug in den Soonwald, nicht nur für Mainzer Familien. Das gesteigerte Naturerlebnis im Panoramablick hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt, und auch die Heimatliebe ist nicht verloren gegangen.

Am 10. September 2003 waren es 110 Jahre her sein, dass der Alteburgturm eingeweiht wurde. Dieses Jubiläum hat die „Initiative Soonwald“ als Nachfolgeverein des "Soonwald-Clubs" feierlich begangen.

Aufgang zum Alteburg-Turm, einem Aussichtsturm im Zentrum des Soonwaldes, der eine Wanderung lohnt. Der Turm ist erbaut auf den Ruinen alter Ringwälle. Die Experten streiten sich, ob es sich um mittelalterliche oder keltische Fundamente handelt.

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